Donnerstag, 29. Oktober 2026

YOU HAVE ALL THE TIME IN THE WORLD 
Es begann an einem Dienstag um 14:15 Uhr, während einer dieser furchtbaren Meetings in der Agentur. Jonas starrte auf die Präsentation seines Chefs, fühlte ein plötzliches, feines Kribbeln hinter der Stirn ... wie ein elektrischer Schlag auf leisen Sohlen ... und plötzlich fror die Welt ein. Die Kaffeetasse, aus der der Chef gerade trinken wollte, blieb in der Luft hängen. Die braune Flüssigkeit aus einer umgekippten Tasse erstarrte auf dem Weg zum Rand. Die Kollegin links von ihm hatte den Mund halb geöffnet, ein stummes Lachen eingefroren wie eine bizarre Maske. Jonas stand auf. Er war allein in einem Ozean aus Wachsfiguren. – Er merkte schnell, dass er mit einem einfachen Gedanken, einem kurzen, festen Impuls in seinen Schläfen, den Zustand wieder aufheben konnte. 
Am Anfang war es ein Segen. Wenn seine Freundin Clara ihn fragte: «Findest du nicht auch, dass dieses Hemd mich dicker macht?», hielt er die Welt an. Er ging in aller Ruhe nach Hause, überlegt sich, was mögliche Antworten sein konnten und recherchierte im Internet, was andere sagten; dann atmete er tief durch und kehrte in die angehaltene Sekunde zurück. «Überhaupt nicht», sagte er mit perfektem Timing, «es steht dir fantastisch.» Clara lächelte verwirrt, als hätte sie seine Unsicherheit geahnt, aber nicht beweisen können. Wenn er Streit mit einem Kollegen hatte, klinkte er sich kurz aus. Er hielt die Zeit an, spazierte durch die Stadt, wog Argumente ab, schrieb sich Reden auf und setzte erste dann die Sekunde fort. Er parierte Angriffe mit einer geschmeidigen, fast unheimlichen Gelassenheit. Und das Beste: Während die Welt draußen stillstand, alterte er nicht. Seine biologische Uhr schien in der Pausenzone nicht zu ticken. Er war der uneingeschränkte Herrscher über das Jetzt. 
Nach ein paar Jahren verschoben sich die Gewichte. Die Pausen wurden länger. Was als fünfminütige Denkphase bei einem Streit begann, dehnte sich auf Stunden aus, in denen er einfach durch menschenleere Straßen wanderte. Er mochte die absolute, schwere Stille der gefrorenen Stadt. Kein Hupen, kein Surren von Motoren, kein Flackern von Leuchtreklamen. Wenn er die Zeit dann wieder anlaufen ließ, fiel ihm der Kontrast jedes Mal schwerer. Die Stimmen seiner Freunde klangen plötzlich wie Sirenen. Das Lachen in einer Bar fühlte sich an wie das Reißen von Metall. Selbst Claras liebevolle Worte prallten wie ein Hämmern gegen seine Schläfen. «Hey, habe ich das gerade nicht schon mal gesehen?» fragte Clara ihn eines Abends, als er ein und denselben Witz zum dritten Mal in leicht variierter Form erzählte, weil er die Interaktion im Standby-Modus geprobt hatte. Ihr Blick war müde geworden. Sie spürte, dass er nicht mehr wirklich da war. 
Eines Tages blieb er einfach in der Pause. Er ging nicht mehr zurück. Warum auch? Draußen gab es Pflichten, Alterung, Erschöpfung und Lärm. Hier, in der großen, eisernen Stille der eingefrorenen Realität, war alles sicher. Er sah zu, wie ein herabfallendes Herbstblatt auf halbem Weg zum Boden schwebend mittendrin wie festgefroren festlag. Er setzte sich auf eine Parkbank, schloss die Augen und genoss das Nichts. Die Jahre zogen an ihm vorbei – oder eben nicht. Jahrzehnte vergingen in seiner Welt; für sie Welt blieb es derselbe Nachmittag, derselbe wehende Wind, derselbe graue Himmel. 
Nach tausend Jahren in der Stille wusste er nicht mehr genau, wie sich ein Herzschlag anfühlte, der nicht von ihm selbst kontrolliert wurde. Er ging durch die Stadt. Manche Häuser kannte er ein und auswendig, welche Stelle von Moos überwuchert war, welche Gebäude von Baugeländern umfasst – eingefroren in ihren Momenten des Umbruchs. 
Irgendwann wanderte er durch eine Baustelle im Zentrum. Die Luft roch nach altem Staub und rostigem Eisen. Über ihm hing eine schwere, graue Masse aus Beton und Stahl – ein gigantischer Block, der sich in den letzten Sekunden von einem maroden Kran gelöst hatte und nun, seit einem Jahrtausend, träge der Schwerkraft entgegenfiel. Nur wenige Meter über seinem Kopf. Jonas blieb stehen. Er blickte nach oben in die starre, graue Unterseite des Blocks. Er dachte daran, wie es klingen würde, wenn der Lärm zurückkehrte. Wie sich die Wärme einer echten, nicht simulierten Sekunde anfühlen würde, selbst wenn sie Schmerz bedeutete. Er war müde vom Ewigen. Er war müde von der Abwesenheit des Lebens. Er schloss die Augen, entspannte seine Stirn und dachte das kleine, vergessene Wort, das er so lange nicht mehr benutzt hatte: Los.

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