VERBOTENE TEXTE III:
VIER STIMMEN
oder
DAS MÄRCHENHAFTE
I. KH
Der Spaten im Lehm, die Norm, das Register, Kolonne links, zwei Schritt, Tritt halten, die Spruchkammer, die Tabelle der Arbeitsstunden. Der Geruch nach feuchtem Kalk und genormtem Holz sitzt in den Poren der Uniform, unbezahlbar die Ordnung, die jetzt im Schlamm ertrinkt, während einunddreißig Zentimeter Gefälle vermessen werden, genau wie im Erlaß vorgeschrieben, aber die Erde weigert sich, das Protokoll zu unterzeichnen. Es ist dasselbe Gefälle wie im Jahr sechsunddreißig, Bückeberg, der staubige Wind in den Fahnen, als die Spaten noch im Sonnenlicht blitzten wie poliertes Silber und die Reihen der jungen Männer wie eine Mauer aus Fleisch, Knochen und absoluter Disziplin vor der Tribüne standen. Damals riefen sie im Chor: Ein Volk, ein Reich!, und mein Stift glitt über das Papier, um die Kubikmeter Erdaushub für die Autobahnen zu erfassen, das große Werk der Begrenzung und Begradigung, die Zähmung des wilden deutschen Bodens. Doch das Licht von damals ist weg, die Jugend ist weg, weggeschmolzen in den Sümpfen vor Welikije Luki, und geblieben ist nur das feuchte, unaufhaltsame Rutschen des Hanges bei Berlin, der sich über die Gräben legt, als wollte er die Fehler in der Statistik eigenhändig korrigieren. Die Hände der Männer sind kalt, die Spatenstiele von Frost rissig, und das Metall am Hals – das höchste Kreuz, das sie zu vergeben hatten, der Deutsche Orden, das Band so rot wie das Blut, das hier gar nicht fließen dürfte, weil im Handbuch für den Stellungsbau kein Posten für Leichen vorgesehen ist – dieses Metall ist schwer, ein kaltes Gewicht auf dem Brustbein, das keine Quittung der Reichsbank ausgleichen kann.
Abteilung IV meldet Vollzug der Leere, der Papierkorb im Behelfsbüro ist voll von ungelesenen Telegrammen, die Tinte zerfließt im Regen, der von den kahlen Bäumen tropft, jeder Tropfen ein Punkt in einer Tabelle, die niemand mehr auswertet. Zwanzig Mann pro Glied stumm ins Dunkel starren und darauf warten, daß der Boden unter ihren Füßen endlich aufhört zu zittern, aber der Boden zittert weiter, weil drüben im Osten die Front zerfetzt ist wie ein alter Sack und die Ziffern im Formular B-407 die rußischen Panzer nicht aufhalten können. Ich war Generalmajor im kaiserlichen Heer, ich kenne das Handwerk des Krieges, aber dieses Ende hat keine Form mehr, keine preußische Haltung. Diese Agonie ist unorganisiert. Die Granaten löschen die mühsam gezogenen Linien aus, Reihe um Reihe, Graben um Graben, bis nichts mehr übrig bleibt als das feine Rauschen von feuchtem Papier, das im Schlamm verrottet, namenlos, stempellos, aktenlos. Die Bürokratie des Bodens hat uns eingeholt, und der letzte Bericht bleibt ungeschrieben, weil das Amt nicht mehr existiert, an das er gerichtet war, und der Reichsarbeitsdienst nur noch ein Geist ist, der durch die brennenden märkischen Wälder irrt.
II. KH
Und das Papier brennt, es brennt durch den Stoff der Tasche bis auf die nackte, schwitzende Haut, das Testament des Führers, seine Worte, mein Name darin, Karl Hanke, Reichsführer-SS, eine Würde aus totem Fleisch und ausgebrannten Ruinen, während Breslau um mich herum krepiert. Die Keller riechen nach naßem Pelz, nach der Angst der Frauen und dem dicken, kalten Schweiß der Deserteure, die an den Laternenpfählen der Schweidnitzer Straße hängen, die Schilder um den Hals im Wind schaukelnd, Ich habe mit dem Feind paktiert, Verräter, alle Verräter, ich habe sie eigenhändig zählen laßen, jeden einzelnen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, die Hierl in seinen Tabellen sucht. Aber hier gibt es keine Tabellen mehr, nur noch das Feuer und meine eigene, rasende Wut. Wer ist das da im Flur, ein Schatten mit Armbinde, ein Melder, ein Geist, nicht hinsehen, nicht die Treppe runter in den Ruß, wo die Rußen schon das Pflaster des Rings mit ihren Ketten zermalmen. Ich höre ihr Lachen durch die Kellerfenster, ich höre das Fauchen der Katjuschas, das den Putz von den Wänden schlägt. Magda, damals in Berlin, die Treffen im Ministerium, die glatten Parkettböden, als Goebbels noch mein Chef war und die Welt nach Parfüm und frischer Druckerschwärze roch, alles weggewischt, alles verbrannt in diesem Kessel, den sie Festung nennen.
Der goldene Ring am Finger drückt die geschwollene Haut, die Hand zittert, als ich nach der Pistole greife, aber die Pistole ist zu leicht für das Gewicht, das auf dieser Stadt liegt, dieser Stadt, die ich zur Hölle gemacht habe, damit sie mich im Flugzeug ausfliegen können, wenn die Landebahn auf der Kaiserstraße aus den Trümmern der gesprengten Barockkirchen endlich fertig ist. Die Steine rauchen noch, die Frauen mußten sie mit bloßen Händen wegschleppen unter dem sowjetischen Artilleriefeuer, ein freies Feld für meinen Start, während die Verwundeten in den Lazaretten verbrennen, weil kein Platz mehr ist für sie, kein Platz für die Jugend, die Axmann in die Schläge schickt, nur Platz für mich und dieses verfluchte Papier in meiner Tasche. Das Triebwerk der Fieseler Storch hustet im Staub, der rote Himmel drückt auf die Augen, und der Deutsche Orden an meiner Brust fängt die Reflexe der brennenden Häuser ein, ein Orden für den Untergang, eine Auszeichnung für den Mann, der eine Stadt fraß und als Gespenst wieder ausspuckte. Fliegend über den Leichen, weg von den Augen der Toten, die im Schutt liegen und das Metall an meiner Brust verfluchen, während der Funker am Boden liegt, die Batterie leer, ein ewiges Summen im Kopf, das nicht mehr aufhört, bis der letzte Schuß im tschechischen Unterholz fällt, wo sie mich im Juni wie einen Hund erschlagen werden, ohne daß jemand weiß, wer der Mann mit dem goldenen Kreuz unter dem zerrissenen Hemd war.
III. AA
Ein Summen auch hier, aber es sind die Fliegen auf den ungewaschenen Verbänden am Anhalter Bahnhof, und die Jungs, sie haben noch Milchzähne unter dem Stahlhelm, der Helm ist zu groß, rutscht auf die Nasenwurzel, wenn sie nach oben sehen, dorthin, wo Hankes brennender Himmel die Stadt verschlingt. Der Rauch schmeckt nach Pappe, nach verbranntem Fett und der Wolle der HJ-Uniformen, die viel zu dünn ist für diesen April, der sich wie der tiefste Winter in Rußland anfügt, damals, fünfundvierzig Kilometer vor Moskau, als der rechte Arm noch da war, dieses leichte, wahnsinnige Flattern im leeren Ärmel dort, wo der Knochen endete. Ein Phantomschmerz, der wie der Orden brennt, den sie mir am zwanzigsten April in den Tiefen des Führerbunkers hinuntergereicht haben, als der Chef den Kindern noch die Wangen tätschelte mit seiner zitternden, nach Medikamenten riechenden Hand. Berlin brennt wie ein Streichholz im Kellerloch, die Hitze drückt das Glas aus den Fenstern, und die Augen der Kinder sind groß wie Glasperlen, sie spiegeln die Mündungsfeuer der sowjetischen T-34 wider, sie rufen Jugend, Jugend, Reichsjugendführer, retten Sie uns!, aber der Bunker stinkt nach Urin, nach Gangrän und altem, eitrigem Verbandzeug, das wir dreimal umwickeln müssen, weil es kein sauberes mehr gibt.
Wir rennen durch die U-Bahn-Schächte zwischen Stadtmitte und Friedrichstraße, das Wasser steht uns bis zu den Knöcheln, das schwere Eisen der Gleise dröhnt über unseren Köpfen, dunkel, immer tiefer ins Dunkel, wo die Ratten zwischen den weggeworfenen Gewehren und den verlassenen Puppenwagen schwimmen. Ich habe ihnen Medaillen an die Jacken gesteckt, kleine Kreuze für kleine Hände, die kaum eine Panzerfaust halten können, habe ihnen gesagt, der Führer sieht euch, der Führer glaubt an euch, während der Führer schon als verkohlte Masse im Garten der Reichskanzlei liegt und Holz drüben in Nürnberg immer noch an seine Lügen glaubt. Ich stand neben Schmundt, ich stand neben den Großen, und jetzt stehe ich hier mit einer Hand voll halbwüchsiger Waisen im mörderischen Splitterregen. Nun liegen sie da, die bleichen Knaben, die Gesichter im Dreck der Barrikaden am Vorfeld des Reichstags, die Knochen zerbrochen wie die Schaufelstiele von Hierls Kolonnen, ein Reich aus Scherben, und ich bin der einarmige Hirte, der sie zur Schlachtbank führte, der Mann, der die Hand zum Gruß hob, während die andere Hälfte von ihm schon längst im Massengrab von 1941 verrottete und der Orden auf meiner Brust sich im trüben Wasser des Schachtes spiegelt wie ein verlorener Groschen.
IV. KH
Und das Massengrab ist hier, Beton bricht, Splitter im Auge, das Blut schmeckt salzig und vermischt sich mit dem Staub der Frankenmauer, die über uns zusammenstürzt. Die Kugel pfeift durch die morschen, brennenden Tapeten der Nürnberger Polizeidirektion, hier weicht keiner, keinen Fußbreit, wir stehen, weil der Führer es befohlen hat, und der Führer lügt nicht, niemals, auch wenn der Lautsprecher in der Ecke nur noch krächzt und die Stimme des Propagandisten im Rauschen des Äthers stirbt. Der Keller stinkt nach Pulver, nach verbranntem Fett und kaltem, bitterem Kaffee, die Taschen sind fast leer, die Läufe der Maschinenpistolen glühen, aber wir schießen weiter, schießen in den dichten Rauch hinein, wo die Schatten sich bewegen, die Schatten der amerikanischen Panzer, die Hierls Gräben überrollt und Hankes Festung einfach ignoriert haben. Die Hand an der Wand, die Ziegel bröckeln rot auf die Stiefel, rot auf den Staub, der sich auf die Lungen legt, bis das Atmen wie das Trinken von Sand ist, kein Schritt zurück, die Ehre ist der Tod.
Nürnberg, die Stadt der Reichsparteitage, die Lichterdomme von Speer, das Stampfen der Stiefel auf dem Zeppelinfeld, als wir den Geist der neuen Zeit beschworen und Julius Streicher neben mir stand, der Haß, der durch die Druckmaschinen lief, Woche für Woche, Zeile für Zeile, Haß aus Blei im Stürmer, das war mein Leben, die absolute Reinheit des Kampfes gegen den Rest der Welt. Jetzt fressen wir das Blei selbst, schlucken es hinunter wie das bittere Ende einer Geschichte, die wir uns selbst erfunden haben. Die Panzer stehen vor dem Tor, ihr Dröhnen schüttelt das Fundament, das Licht flackert und stirbt. Das Metall des Ordens auf meiner Brust – das Kreuz mit den Eichenblättern, das sie mir für meinen Fanatismus gaben – fängt den letzten Strahl Abendschein, der durch die zerschossene Schießscharte fällt, ein funkelnder Punkt im allgemeinen Untergang, das höchste Kreuz des Reiches auf der Brust eines Mannes, der gleich unter Tonnen von Schutt begraben wird, während Axmanns Kinder in den Berliner U-Bahn-Schächten ertrinken und Hanke über die schlesischen Wolken flieht. Ein gutes Sterben, ein deutsches Sterben im Trümmerhaufen der eigenen Stadt, das Fundament erschüttert, das Licht flackert und stirbt, die Wand fällt um, das Dach gibt nach, die Wand fällt auf uns, und es wird still, ganz still, und die Akte schließt sich für immer.