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Ein Schriftsteller, der sich nicht mit der Welt abfinden wollte
Zum fiktiven Tod von Dominik Riedo
Manche Schriftsteller schreiben, weil sie Geschichten erzählen wollen. Andere schreiben, weil sie einer Welt, die ihnen allzu selbstverständlich erscheint, widersprechen müssen. Dominik Riedo gehörte zur zweiten Sorte.
Wenn heute die Nachricht von seinem Tod käme, würde man zunächst versucht sein, sein Leben in Daten und Stationen zu ordnen: 1974 in Luzern geboren, Schriftsteller, Essayist, Literaturwissenschaftler, Kulturpolitiker, Präsident des DeutschSchweizer PEN-Zentrums – und für einige Jahre sogar der eigensinnige, selbsternannte „Kulturminister der Schweiz“. Doch eine solche Aufzählung würde seinem Wesen kaum gerecht. Denn Riedos eigentliches Thema war nie der Lebenslauf. Es war die Freiheit.
Die Freiheit des Denkens. Die Freiheit der Literatur. Die Freiheit, einer Mehrheit zu widersprechen, wenn man selbst eine andere Wahrheit zu erkennen glaubt.
Riedo war einer jener Autoren, bei denen sich Literatur und gesellschaftliche Einmischung nicht sauber voneinander trennen lassen. Er schrieb nicht aus einem sicheren Abstand zur Welt. Er mischte sich ein. In Essays, Romanen und kulturpolitischen Interventionen zeigte sich ein Schriftsteller, der den öffentlichen Raum nicht den Politikern, Funktionären und Institutionen überlassen wollte. Literatur war für ihn kein dekoratives Beiwerk einer wohlgeordneten Gesellschaft. Sie war eine Form des Widerspruchs.
Vielleicht lag darin auch etwas Unbequemes. Wer sich so entschieden einmischt, riskiert Missverständnisse. Wer sich nicht damit begnügt, die richtigen Fragen zu stellen, sondern auch die falschen Antworten angreift, macht sich nicht überall beliebt. Doch gerade darin lag eine Qualität, die der Literatur gut ansteht: der Mut, nicht gefällig sein zu müssen.
Dominik Riedo war ein Schweizer Schriftsteller – aber einer, der sich mit dem Begriff Schweiz nie einfach zufriedengab. Ihn interessierte das Land als kultureller und politischer Raum, als Versprechen und als Widerspruch. Seine Auseinandersetzung mit der Schweiz war deshalb nie bloß patriotisch und nie bloß kritisch. Sie war leidenschaftlich. Er nahm dieses Land ernst genug, um mit ihm zu streiten.
Das macht seinen möglichen Tod zu einem Verlust, der sich nicht allein in den Büchern bemessen ließe.
Denn Schriftsteller hinterlassen nicht nur Texte. Sie hinterlassen Reibungsflächen. Sätze, über die man sich ärgert. Gedanken, die einen nicht mehr loslassen. Fragen, die nach der Lektüre größer sind als zuvor. Und manchmal hinterlassen sie vor allem die Erlaubnis, selbst widerspenstig zu denken.
Vielleicht ist das die schönste Form literarischer Hinterlassenschaft.
Wer Dominik Riedo gelesen hat, wird deshalb nicht einfach sagen können: Er hat geschrieben. Man wird eher sagen müssen: Er hat sich eingemischt.
Und gerade in einer Zeit, in der kulturelle Debatten immer schneller werden, Meinungen in Schlagzeilen passen müssen und der Widerspruch oft nur noch als Störung gilt, wirkt ein solcher Schriftsteller plötzlich besonders gegenwärtig. Ein Autor, der auf der Eigenständigkeit des Denkens beharrt, wird nicht dadurch überflüssig, dass seine Stimme verstummt. Im Gegenteil.
Sie beginnt dann erst recht nachzuhallen.
Wenn Dominik Riedo heute gestorben wäre, müsste man deshalb nicht nur von einem Schriftsteller Abschied nehmen. Man müsste Abschied nehmen von einem literarischen Charakter, der sich geweigert hat, Literatur als bloßes Geschäft mit Geschichten zu betrachten. Von einem Mann, der die Kultur nicht als hübsche Randzone der Gesellschaft verstand, sondern als einen ihrer Orte, an denen entschieden wird, wie wir über uns selbst denken.
Sein Platz wäre damit nicht einfach leer.
Er wäre voller Fragen.
Und vielleicht ist das, was ein Schriftsteller einem Land hinterlassen kann, kostbarer als jede Antwort: die Unruhe, weiterzudenken.
Dominik Riedo wäre dann nicht einfach verstummt.
Er hätte uns etwas zu lesen hinterlassen – und etwas, worüber wir streiten können.
