Freitag, 16. April 2021

VOR LIEBE BLIND

Klar: Beat Sterchi hat 1983 mit «Blösch» ein gutes Buch veröffentlicht. Wenn nun aber Alexander Sury (im Berner BUND) sein neustes Werk «Capricho. Ein Sommer in meinem Garten» bespricht, so entgeht ihm, dass sich der Autor eigentlich – unbewusst? – in einen Blubo-Literaten verwandelt hat.

Man erkennt das schon, wenn man eine Äusserung des ehemaligen Mentors von Camenisch am Literaturinstitut Biel heranzieht, die Sterchi im Bund gemacht hat: «Arno ist ganz nah bei seinen Menschen, diesen Bergen. Nahe bei seine Blut. Das spürt man sofort.» Schon da sind die wichtigsten Merkmale vorhanden: Das Blut spricht Bände, aber auch dass Camenisch seinen Menschen nahe sei, ist verräterisch: Wer gehört denn da alles dazu und wer nicht, wer entscheidet das? – Und nicht zuletzt machen in dem Umfeld auch die Berge keine gute Figur mehr, die für eine billige Heimat stehen.

Im neuen Buch Sterchis nun aber findet man – sieht man erst mal mit dieser Aussage im Kopf durch den Text – ständig solche Auffälligkeiten (und ich wähle nicht mal selbst aus, sondern nehme Beobachtungen von Alexander Sury aus dessen Rezension vom letzten Samstag). Die wichtigsten davon: Man befindet sich im Buch in einer alten, ehrwürdigen Tätigkeit: «Er weiss, dass bereits vor vielen Jahrhunderten Menschen hier zur Arbeit gegangen sind» – als wäre eine moderne Tätigkeit eher etwas Verrufenes; aber vor allem scheint der Erzähler der Begabteste (oder jener, der als Einziger erkennt, dass etwas getan werden muss, weil alle anderen Gärten sich in verlottertem Zustand befinden) zu sein, alle anderen eher minderwertig: «Neben seinem bewässerbaren ‹huerto› sind viele andere Gärten verwildert.» Es erinnert mich an eine bekannte Stelle eines nicht mal groben Nationalsozialisten, der einmal schrieb, man erkenne genau die Grenze zwischen Deutschland und Polen: In Deutschland sei alles wunderschön gehegt und gepflegt, während in Polen das Zeugs zerfalle und verwildere (und prompt geht auch in «Capricho» der Erzähler gegen das «Unkraut» vor und will «dem überbordenden Wildwuchs mit Sense und Hacke Einhalt» gebieten).

Aber weiter: Der Autor spricht eben wie bei Camenisch vom spanischen Dorf als von «seinem Dorf» (siehe auch den Untertitel) – also ebenfalls eine Aneignung, obwohl er da immer ein Fremder bleiben dürfte, als Schweizer mitten in Spanien, der höchstens im Sommer dort wohnt. Und dort wohnt er also, in «einfachem» Haus, und tut, wie gesagt, was Menschen «bereits vor vielen Jahrhunderten [...] hier» gemacht haben; alles trieft vor Merkmalen der Blubo-Literatur: die bäuerlich-nahe Lebensweise und das Heroisieren derselben. Denn das Buch verherrlicht das Landleben und die Rückkehr zur Natur Seite um Seite. Wenn Sury meint, alles sei «ganz frei von Kitsch und ohne schwärmerische Naturromantik», so widerspricht er sich gleich selbst mit solchen Beschrieben: «Einmal steht der Ich-Erzähler hüfttief in einem Loch und schwitzt. Er will Wurzelstränge freilegen und erlebt plötzlich ‹göttliche Schönheit›» – was soll denn das sein, wenn nicht schwärmerische Naturromantik und ein Heroisieren der Arbeit auf dem Lande?

Stetig romantisiert Sterchi falsch vorgestellte Vergangenheit: «[S]chön langsam, sagte ich mir abermals und dachte wieder an die Alten, die ihr halbes Leben mit dem Hacken ihrer kleinen Äcker verbracht hatten.» Denn niemand konnte je von seinem kleinen Garten oder Acker allein leben. So kommt es bei ihm quasi implizit zu dem, was eine Señora explizit in seinem Buch äussert: Sie «erhebt die Gartenarbeit [...] einmal gar zur Richtschnur für das Erkennen fähiger Politiker». Was ist denn das, wenn nicht die Überhöhung der Feldarbeit zum völkisch wichtigsten Merkmal!

So folgt denn, was folgen muss, das Fazit des Buches, das Sury unbedenklich zitiert: «Von der Scholle (sic!) gibt es kein Entkommen. Ohne ein paar Quadratmeter gesunder Erde (sic! sic!) [...] bist du nichts.»

Es wäre besser, aus Sterchis Buch wäre nichts geworden, als solch ein Machwerk, das wie beste Blubo-Literatur das ‹natürliche› Leben lobt und Bauern beziehungsweise Gartenbauer zum Symbol des reineren Lebens macht, in dem die Dorfgesellschaft als quasinationalsozialistischer Mikrokosmos («alles ist wichtig in diesem kleinen Kosmos») beschrieben wird, in dem die unermüdlichen Erdarbeiter den Lohn davontragen, der ihnen so bluternst gebührt, von ihrem «Stück urbar gemachte[n] Land». Und schade, erkennt Alexander Sury kein Wort davon.

KUNSTHANDLUNG – was für ein Wort. Was für eine Lüge!

Donnerstag, 15. April 2021

PAUL CELAN

Sprache

Derer sich

Keiner

Erinnert hatte

(Mit Dank an M.M.)

DIE KÜNSCHTLERIN

Gewiss, dass sie ne Künstlerin ist

Sieht man(n) an ihrem Mützchen

Man sieht’s an ihrem Blick

Ihrem Kleid und ihrer Haltung

Man(n) sieht’s an ihrer

Lebensart

 

Worin ihr Künschtlertum besteht

das weiß man freilich nicht

Doch möcht es niemand bestreiten

da so vieles dafür spricht

(Auch dies Gedicht)

GLOCKEN

Glocken schlagen

Glocken sagen an

die Zeit

Glocken rufen

zur Kirche

Glocken locken

zur Taufe

zur Firmung

Was Glocken

aber weniger

glückt:

Glocken nie

rocken!

Der Psychologe: De Schwanzohol esch scho es Problem be Ehne, gelled Si?

Miss Dick: Kein Problem.

Your Kitty Käthy.

Da schreibt heute im BUND ein Leser einen Leserbrief, darin dies: »Ich trat ausgerechnet im April 2020 ins Altersheim ein – mitten im ersten Lockdown. Und ich erfuhr genau das, was mit dem Begriff ›Gefängnis‹ gemeint ist: eingesperrt sein, ohne etwas verschuldet zu haben.« – Wie dumm ist der oder seine Generation eigentlich? Die Definition von GEFÄNGNIS sei EINGESPEERT ZU SEIN, OHNE ETWAS VERSCHULDET ZU HABEN: WTF?!? Und dann sagen doch genau die Männer dieser Generation stets, wie hart sie als ›Aktivdienstler‹ im Nehmen seien. Dabei sieht man es hier genau, was daran stimmt: nichts. Sie entlarven sich selbst. (Wenn der Brief ausgewählt wird, meint es meist, dass mehr als eine Person diese Meinung vertritt ...)

Mittwoch, 14. April 2021

Und dann noch dieses Beispiel: Es sei wie »ein feines Essen ohne Wein«: In was für einer verdammt verwöhnten Mutter- und Vatertöchterchen-Gesellschaft leben die eigentlich? Essen ohne Wein gehe nicht?! Nächstens heißt es noch, wie ein ›feines Essen ohne Fleisch‹! (Siehe Peter Stamm am 8. Mai 2019 bzw. am 2. Juli 2012; der hatte gleich doppelt Unrecht [sic!], weil man - abgesehen vom Fleischkonsum - nach dem Fressen meist weniger glücklich ist als beim Essen) – Dass andere den Wein nicht nötig haben, weil sie ihn sich gar nicht leisten können, fällt ihnen schon gar nicht mehr ein ...

Ah, sie sollte die großen Namen besser nicht auspacken: Die ›Aura‹ nach Benjamin ginge verloren, wenn man die Lesenden bei ihnen zuhause lesen ließe und es dann digital zu den Zuschauern tragen würde ... Aber was macht sie stattdessen? Sie lässt sie in Bern lesen und dann digital zu den Zuschauern tragen. WTF! Was ändert das? Die Reproduzierbarkeit ist ja dennoch da! – Da hat wieder mal eine das Konzept nicht verstanden. Aber oh Mensch, genau solche ... etc. ...

Es muss ja mindestens drei Shutdowns geben. Warum? Friedrich de la Motte Fouqué hat es so gewollt – er schrieb CORONA. Ein Heldengeicht in drei Büchern. Voilà.

Oach, auch ich wollte mal eine Oper über DAS BERGWERK ZU FALUN schreiben – und das Epos DIE PERSERKRIEGE würde besser ich schreiben (nicht: ich besser!): Wegen M. und auch, weil ich Carl Spitteler besser kenne (schon wieder besser) ...

Kies-ler: Let it kies? Oder warum zwei Frauen? Dabei war A’s Schwester gar nicht mal übel ...

Ein Schreibwettbewerb, bei dem schon im Voraus feststeht, welche GEDANKEN mitgeteilt werden sollen. Es geht einzig noch um die Frage, zu zeigen, WIE man diese genau DENKT und FORMULIERT. Die Leserinnen und Leser hätten alles schon gedacht. Das ist ja eigentlich Literatur ... (Wie es ja eh keine neuen Gedanken gibt – wie die billige Konvention lautet ...)

Vulkanisch-explosiv: Ich nehme heisse rote Sprachfetzen und vesuve sie zu flicken ... (Joyce sei wässerwasserig gegrüßt)

Sie fühlen sich depressiv? Sie glauben zum Glück nicht mehr an Gott? Aber nun fehlt ihnen der Glauben an etwas? – Lesen Sie Joyce (oder Nabokov, vor allem ›Pale Fire‹) und seien Sie sich bewusst, dass dies ein Mensch geschrieben hat. KEIN GOTT.

Von den besten Herrschern weiß das Volk gar nicht, dass es sie gibt ...

Sie: Es freut mi.

Er: Es C. G. Jung’d mi.

Sie: Häh?

Er: – Na, du sagtest, es S. Freud’e dich. Mich C. G. Jung’d es ...

Er spielt gerne Dreckgreen.

Das einfache Schweizer Volk: Hör auf. Hör auf! HÖR AUF!!

Dienstag, 13. April 2021

Eigentlich bin ich (ein wenig) ein Sprachdoktor/Doktor der Sprache: Ich nehme Fetzen von Sprache und versuche sie so zusammenzufügen, dass sie (wieder) Sinn ergeben.