Donnerstag, 22. Oktober 2026

VERBOTENE TEXTE II: 
DEUTSCHLAND, 1977 
oder 
PLATTHEITEN IM ALTER 
Bjørkåsen ... Mehr als dreißig Jahre ist das jetzt her. Ich war ein junger Wehrmachtssoldat, gefangen in einem Krieg, den wir nicht gewinnen konnten, an einem Ort, der so unbarmherzig kalt war. Und dann war da Synni. Ihre Wärme, ihr Lächeln mitten in der Dunkelheit Norwegens. Wir wussten beide, dass unsere Zeit gezählt war. Als mein Regiment im Januar 1945 abziehen musste, ließ ich sie zurück. Ich dachte, es sei ein Abschied für immer, ein weiteres unglückliches Kapitel dieses verfluchten Krieges. Ich war mir sicher, sie hätten mich alle längst vergessen. Oder hassen gelernt. Denn nie bekam ich eine Antwort auf alle die Briefe, die ich ihr in der letzten Nacht zu senden versprach. Ach, was hatten wir zwischen Mitternacht und vier Uhr gehofft
, die Zeit könnte stillstehen. Wir hielten uns umklammert, als würden wir zusammen ertrinken. Ertrinken in der fortstrudelnden Zeit. Wir weinten in der Dunkelheit. Aber all das weiß die Tochter ja nicht. 
Als ‹Tyskerbarna›, als Deutschenkind, hatte es das kleine Mädchen sicher nicht leicht, wenn sie überhaupt noch am Leben war. Man hatte mir ja erzählt, Synni sei kurz nach dem Krieg gestorben. Und das Kind? Ich dachte, es sei wie ihre Mutter ins Reich der Tiefe versunken. Und jetzt sitze ich hier, im Jahr 1977. 
Mein Herz hämmert gegen meine Rippen wie das eines verängstigten Jungen. Alfred, du bist ein alter Mann, beruhige dich. Aber wie soll man ruhig bleiben, wenn die Toten plötzlich zum Leben erwachen? 
Anni-Frid. Frida. 
Ganz Europa singt ihre Lieder. Meine Tochter steht auf den größten Bühnen der Welt, strahlt im Scheinwerferlicht, und ich hatte keine Ahnung. Wenn meine eigene Nichte Andrea nicht diesen Artikel in der Jugendzeitschrift Bravo gelesen und die Puzzleteile zusammengesetzt hätte ... Ich würde immer noch glauben, mein norwegisches Mädchen existiere nur in meiner Erinnerung. Sie hat nach mir gesucht. All die Jahre. Sie dachte, ich sei auf dem Rücktransport nach Deutschland oder in den letzten Kriegsmonaten gefallen. 
Gleich wird sie durch diese Tür kommen. Wie wird sie mich ansehen? Sieht sie in mir den Vater, den sie nie hatte? Oder sieht sie nur den deutschen Soldaten, dessen Erbe ihr Leben in der Nachkriegszeit so unendlich schwer gemacht haben muss? Ich habe eine eigene Familie hier in Deutschland, ein ganzes Leben aufgebaut. Und doch hat ein Teil von mir immer in den Fjorden von Narvik und dann in Schweden gefehlt. 
Ich spüre, wie meine Hände zittern. Was sagt man einer Tochter, die man noch nie umarmt hat, die aber die ganze Welt kennt? Ich will kein Autogramm von dem ABBA-Star. Ich will einfach nur mein Kind sehen. Ich will ihr sagen, dass ich Synni geliebt habe. Dass sie kein Unfall war, kein bloßes Nebenprodukt des Krieges, sondern ein Kind der Liebe in einer dunklen Zeit. 
Da ist ein Geräusch an der Tür. Schritte. 
Gott, gib mir die Kraft. Lass mich die richtigen Worte finden. Atem holen, Alfred. Gleich siehst du sie. Deine Tochter.

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