TISCHREDE AN E.Y. MEYERS 80. GEBURTSTAG (AGAIN)
Ich habe mich gefragt, was ich beim Lesen der neueren Schriften E. Y. Meyers empfinde, was ich aus ihnen herauszulesen vermag. Und ich bin darauf gekommen, dass sie sich in einem Hauptpunkt nicht sehr von den Werken seit spätestens «Die Rückfahrt», vielleicht sogar seit «In Trubschachen» (und vielleicht wäre sogar das Foto, das den Trubschachen-Komplex ausgelöst hat, ein Anfangs-, wenn auch nicht Urpunkt) unterscheiden. Aber gerade dies dünkt mich nicht nur das Merk-Würdige, sondern sogar das Eigentliche der Werke von E. Y. Meyer zu sein ... – dass sie seit damals oder eben seit Anbeginn eine Art Alterswerk waren, ein Typus Werk, sonst eher bei – notabene hervor-ragenden (sic!) – Schriftstellern jenseits der fünfzig, der sechzig zu finden, oder zumindest jenseits der Mitte des Lebens: Denn am Ende, wenn ich all diese mit E. Y. gekennzeichneten Bücher zuschlage, am Ende ist alles voller Trauer. Als empfindsamer Leser gilt sie einerseits dem Autor selbst sowie – und irgendwie überträgt sich das gewollt und zuweilen vielleicht auch ein klein wenig ungewollt – andererseits all dem Beschriebenen, weil es eben beschrieben wird, wie es dasteht. Die Trauer gilt dem Dagewesenen, das nicht mehr ist, dem Heutigen, das bald nicht mehr sein wird, und in extremis dem Noch-Nicht von etwas, dem doch das spätere Nicht-Mehr bereits bestimmt ist. Es ist die alte Trauer von unter anderem Thomas Mann, deutlich die Hauptaussage in dessen Faust-Roman – die Klage, dass alles unter der Sonne vergehen muss. Bei E. Y. Meyer wäre es, wie gesagt, herauszuarbeiten spätestens ab «Die Rückfahrt», wie ja der Titel einem schon mit der Nase draufstösst. Und er hat naturwissenschaftlich-psychologisch doch ganz recht: Wir Empfindsamen können an das wunderbare Fortschreiten nicht mehr glauben, seit sich uns die Raum- und Zeit-Quantitäten des Universums erahnbar gemacht haben: Alles wird vom Geordneten ins immer Ungeordnetere übergehen, bis zum Wärmetod, der doch viel eher ein Kältetod heissen sollte, da es ein endgültiges Erstarren im Kalten sein wird. Und so ist E. Y. Meyer und damit uns, seinen Leserinnen und Lesern, auch die Geschichte, die Historie, wie sie (bei ihm) ‹geschrieben steht›, nur ein Schopenhauersches Semper-idem – dem nur ein Grund des Schreibens noch verbleibt: Das Aufzeigen des Lebens und Leidens jener, die ‹arm dran› sind – während es uns dann auch nichts ausmacht, dass die Rezensenten dies für sie Unverständliche verreissen, weil sie immer mehr nurmehr loben, wer «nicht wehleidig» vorliest, nur was «unsentimentale Lyrik» heisst, Texte, die offenbar «ohne Selbstmitleid» redeten – der ganze Pofel der Hitler-Jugend-Erben nach Turnvater Jahn. So sind uns auch Dokumente anderes als anderen: Wer von uns kann schon ein Dokument in die Hand nehmen ohne Melancholie? Denn es ist, ein jedes, das Scherbenstück eines Versuchs, irgendwie Gerechtigkeit zu finden in der Welt, in diesem Blitzlicht des Daseins zwischen zwei unendlichen Ewigkeiten ... und diese Scherben brachten selten Glück. Darum all diese Szenen bei E. Y. Meyer, in denen das Böse und das Lächerliche plötzlich aus dem Naiven schlüpft, ins Gerade-noch-Gerettete eines Lebens, das sonst schon schwer genug wäre. Darum sein Mitleiden in seinen Geschichten und in der Geschichte wie bei Jacob Burckhardt, der es mit den Opfern und Kostenträgern hält, gegen das freche hegelsche Antizipieren eines Weltplans. Und man komme mir hier nicht mit das sei doch von Gestern und Vorgestern: Die Darstellungen der Historiker von Kausalität und Notwendigkeiten enthalten immer noch im diffusen Hintergrund die metaphysische Devotion, ja der ganze Begriff der ‹Objektivität› selbst stammt von ihm ab – wie in den Schulbüchern die menschenfressenden Bandenkämpfe der ‹Familien› bequem in einer ‹Reichsidee› unterkommen, oder wie in den neudeutschen News, in denen noch der erwiesenste Gangster ein ‹Staatschef› bleibt. Es wäre das nämlich eine Geschichtsidee, in der jede krass-falsche Architektur noch Teil eines Weltplans bedeuten würde. Das kann nicht stimmen, das fühlt E. Y. Meyer. Darum hält er es eben auch hier, ein Beweis mehr, mit den Unterdrückten, geht vor gegen Heere von Architekten, die ihren Namen der Geschichte aufpressen wollen und dabei ganze Quartiere der Unlust bauen. – Denn wenn es eine fortschreitende Idee geben sollte, etwas, was auf ein Ziel hinführt, dann ist es am ehesten die Kulturgeschichte selbst. Und in und mit ihr versuchen wir Schreibenden eben doch ein wenig, ontogenetisch zu erleben, was phylogenetisch nach Lessing die Erziehung des Menschengeschlechts heisst. So tat und tut E. Y. Meyer, was er in der Kulturgeschichte tun kann: Er lernt, legt aus und schreibt. Und genau darum wird man ihn, wie es Stendhal bei sich selbst geahnt hat, auch in weiteren Jahrhunderten noch lesen – falls, und dagegen sollten wir trinken – kein Meteorit dahergeflogen kommt und uns alle vorzeitig in die Kälte des Alls schleudert: schwupp und weg und – Prost!

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