Mittwoch, 28. Januar 2026

DER GALGEN UND DER PRANGER 

Sie kamen nicht nur mit Stiefeln und Karten, 
nicht nur mit Fahnen, die den Himmel verschluckten. 
Sie brachten zwei Möbel mit, 
alt wie die Angst, 
handlich wie ein Urteil: 
den Galgen 
und den Pranger. 

Wo sie einfielen, 
stand plötzlich der Tod aus Holz, 
sauber gezimmert, 
ordnungsgemäß. 
Daneben der Platz für das Gesicht, 
das man zeigen wollte, 
damit es jeder lernte zu verachten. 

Der Galgen war für die Körper. 
Der Pranger für die Seelen. 

Und zwischen beiden 
stellte man die Dichter, 
die Musiker, 
die Maler, 
die Schauspieler mit zu lauter Stimme, 
die Denker mit zu schiefen Gedanken. 

Man nagelte ihre Werke an die Schande, 
nannte Schönheit „entartet“, 
Zweifel „Verrat“, 
Freiheit „Krankheit“. 
Applaus wurde Beweisstück, 
Einbildung ein Verbrechen. 

Wer Worte liebte, 
lernte das Schweigen. 
Wer Farben sah, 
lernte das Grau. 
Wer Töne hörte, 
hörte bald nur noch Schritte. 

Der Galgen knarrte im Wind der Parolen, 
der Pranger stand mitten auf dem Marktplatz der Meinung. 
Und das Volk sah zu — 
aus Angst, 
aus Gewohnheit, 
aus Hoffnung, verschont zu bleiben. 

Doch selbst dort, 
wo der Strick wartete 
und der Spott lachte, 
blieb etwas ungehorsam lebendig: 
ein Vers im Kopf, 
eine Melodie unter der Haut, 
ein Bild, das sich weigerte zu verblassen. 

Denn Galgen töten Menschen, 
Pranger beschämen Gesichter —  
aber Kunst 
stirbt langsam 
und merkt sich alles. 

Und irgendwann 
stehen die beiden wieder da, 
verwittert, leer, 
Museumsstücke der Schande. 
Während die Stimmen, 
die man brechen wollte, 
leiser vielleicht, 
aber weiter 
durch die Zeit gehen. 

[Gesetzt wie damals ...] DR / Januar 2026

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