Mittwoch, 25. September 2013


Du delirierst? Du schweifst ab und um und aus …

Portbou hast du nie besucht und die Jules-Vernes-Ausgangs-Insel von der Unterwelt herauf und Island und New York und Salzburg und Barcelona.
Mozart hast du viel zu wenig gehört und Rembrandt angeschaut oder Johann Heinrich Füssli. Und von Orson Welles wolltest du alle Filme mal an einem langen Wochenende nacheinander dir anschauen und tanzen lernen und kochen und dir überlegen, was im Leben außer dem Spielen doch lohnt:
Liebe und der Schlaf und das Essen und die Katzen, die man streichelt und diese Eindrücke, die man nicht erwartet und
Schluss!
Du machst Listen, Listen, und der Tod kommt dir immer näher. Weißt du denn, auch wenn du noch ein paar Stunden, ja Tage leben würdest, ob du nicht bald in einen solchen Zustand fallen wirst, der einigermaßen klares Denken nicht einmal mehr zulässt? Hast du doch bereits bewusst vom schwarzen Nichts des Grabes geträumt, das aber von einer hellen Gestalt erleuchtet war!
Jetzt also springst du, oder besser gesagt, es springt mit dir. Und echte Tragik, die Tragik eines knapp vor dem Absprung ins Nichts stehenden Ichs, oder besser gesagt: eines liegenden Ichs, ist kein Ärgernis.
Aber du meinst immer noch, du seist das wichtigste Bewusstsein der Welt, ein Hirnzentrum, das Überleben muss!
Und doch hängt hier kein Bild, das man mitnehmen kann.
Hier wird der Tod behandelt, als käme er jeden Tag vor. Hier wird damit umgegangen, als müssten alle sterben. Hier wird so getan, als wäre der Tod unausweichlich.
Ob du wohl nicht doch ein Zeichen mitnehmen können würdest? Eines, das dir – wenn auch nach Jahrmillionen – in einem neuen Leben sagen könnte, was du mal gewesen bist?
Hast du denn in diesem Leben nach solch einem Zeichen an deinem Körper gesucht? Du hast nie mit einer ganz dünnen Taschenlampe dein Glied von innen her beleuchtet, um zu sehen, ob auf der Hülle ein Zeichen eingezeichnet ist, das sich so als Schattenwurf auf der Wand enthüllen würde …
Oder ob du dir noch eine Art Kainsmal auf die Stirn prägen könntest, ein Zeichen, das dich als Geächteter ausweist, hier auf Erden? Das auch den Tod einen Bogen um dich machen ließe, als ewig Hingeworfener. Als Zerworfener.
Aaahhh, warum hat der Mensch die Unschuld des Tieres verloren?! – Die Angst der Welt liegt auf dir. Und mit Verstand ist kein ganz bewusstes Leben mehr möglich: nur sich selbst zu sein und nur zu sehen, was sichtbar ist et cetera. Denn die Angst, die Panik, sie kommen auch, wenn man sich nur theoretisch in Lagen versetzt, in der du nun bist.
Du bist.
Aber du bist, um zu sterben.
Du reißt von deinem Hals eine Hand, die dich erstickt. Und du siehst, dass deine eigene Hand, die soeben die andere weggerissen hat, dir zugleich mit der Geste der Befreiung eine Schlinge um den Hals gelegt hat. Vorsichtig entfernst du auch diese Schlinge und strangulierst dich dabei fast mit den eigenen Händen. Deinen Händen.
Warum ist dir der Körper zeitlebens so fremd gewesen?
...

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